100 Jahre Zug der Neusser Scheibenschützen

Ja was denn nun? 100 oder 600 Jahre?

Ein Beitrag unse­res Schützenbruders Werner Leurs

 

Die Scheibenschützen-Gesellschaft ist 600 Jahre alt. Ihr Zug, der als eigen­stän­di­ges Korps am Neusser Bürger-Schützenfest teil­nimmt, “erst” 100 Jahre. Das Jahr 1415 ist das Gründungsjahr der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft. Deshalb haben wir 2015 unser 600-jäh­ri­ges Bestehen gefei­ert. Der hei­li­ge Sebastian, der Schutzpatron aller Schützen, war damals auch unser Schutzpatron. Erst viel spä­ter, am Ende der Franzosenzeit in Neuss, einig­te man sich auf St. Jakobus (den Älteren). Seitdem fei­ern die Scheibenschützen ihr Schützenfest, heu­te wür­de man sagen “Patronatsfest”, an dem der neue “Jakobuskönig” aus­ge­schos­sen wird, jeweils am Jakobustag, dem 25. Juli. Als 1823 der Bürger-Schützen-Verein gegrün­det wur­de, war man noch nicht als eigen­stän­di­ges Korps dabei. Aber die Scheibenschützen stan­den nicht abseits, son­dern hal­fen dem neu­en Verein mit Rat und Tat. So stell­ten sie von Anfang an das “fach­män­ni­sche Personal” beim Vogelschießen und luden die Büchsen, und das tun sie bis heu­te. Viele Scheibenschützen mar­schier­ten in Zügen ande­rer Korps mit. Die Chronik des Bürger-Schützen-Vereins zählt im Jahr 1839 nament­lich 15 Ehrenmitglieder auf, und von denen waren 10 Mitglied der Scheibenschützen-Gesellschaft.

Bei so viel Spaß am Bürger-Schützenfest konn­te es nicht aus­blei­ben, dass man auch als eigen­stän­di­ges Korps auf­tre­ten woll­te. 1920 war es dann soweit: Nach Ende des Ersten Weltkrieges, als end­lich wie­der Schützenfest gefei­ert wer­den durf­te, trat erst­ma­lig ein “Zug der Neusser Scheibenschützen” an: 19 Mann plus 3 Bogenschützen unter Leutnant Josef Reitz (einen Major gab‘s noch nicht. Siehe Foto unten, auf­ge­nom­men am heu­te nicht mehr vor­han­de­nen Märchen- oder Zwergenbrunnen im Rosengarten). Zum Zeichen sei­nes Ranges trug er sei­nen Trachtenrock geschlos­sen und hat­te sich eine Offiziers-Feldbinde mit seit­lich her­ab­hän­gen­der Troddel umgebunden.

Bogenschützen: Heinrich Josten, Heinrich Weiß, Carl Klüting
Schützenbrüder: Obere Reihe: Albert Franz, Gerhard Gassen, Georg Büschges, Franz Pauli,
Mittlere Reihe: x Aretz, Theodor Königshofen, Louis Dresen, Peter Badort, Severin Lülsdorff, Wilhelm Klusmann, Gustav Broich,
Untere Reihe: Andreas Thewald, Arnold Beckers, Fritz Krücken, Heinrich Speemann, Adolf Lülsdorff, Josef Reitz ‑Leutnant‑, Heinrich Badort, Heinrich Hutz
(Die bei­den Musiker rechts und links sind unbekannt)

Nun ist es ja so, dass bei sol­chen Jubiläen die Jahre seit Gründung gezählt wer­den, sozu­sa­gen “brut­to”, und die Jahre der “Nichtteilnahme ” nicht abge­zo­gen wer­den. So auch beim Zug der Scheibenschützen: 1920 zum ers­ten Mal teil­ge­nom­men, 1921 und 1922 wur­de “gestreikt”. Warum? Die bel­gi­sche Besatzung, die damals in Neuss das Sagen hat­te, war den Scheibenschützen hef­tig auf die Füße getre­ten. Sie hat­te ihren Scheibenstand und ihre Büchsen beschlag­nahmt und dazu noch den Scheibenschützen weni­ge Tage vor dem Schützenfest 1922 auf Anfrage amt­lich mit­ge­teilt, dass ihre Büchsen nicht mehr auf­find­bar sei­en. 1923 und 1924 war das Schützenfest von der Besatzungsbehörde kom­plett ver­bo­ten. Dafür leg­te man sich 1925 mäch­tig ins Zeug. Der Zug der Scheibenschützen war auf 50 Aktive ange­wach­sen, und an der Spitze ging jetzt ein Major. Die “Uniform”, bes­ser Schützentracht, ist bis heu­te gleich geblie­ben : Schwarze Schuhe, schwar­ze Socken, schwar­ze Hose, wei­ßes Hemd mit Stehkragen und wei­ßer Fliege, wei­ße Weste, grün-graue Joppe, wei­ße Handschuhe und natür­lich Hut — man braucht ja was zum Grüßen. Der Zug bekam das Ende der “Fußtruppen” zuge­wie­sen, vor den berit­te­nen Korps. Wie bekannt, sind die Scheibenschützen unbe­waff­net, was unbe­streit­bar den Vorteil hat, dass man am Bierstand und bei den Nüsser Röskes bei­de Hände frei hat. Nur die an der Zugspitze gehen­den jugend­li­chen Bogenschützen tra­gen eine Armbrust.

Bei der Parade — und nur da — zei­gen die Scheibenschützen vor König und Komitee den “Hutgruß”, das heißt, alle neh­men gleich­zei­tig, ohne lau­tes Kommando, den Hut grü­ßend ab und set­zen ihn nach Passieren von König und Komitee gleich­zei­tig wie­der auf, was den Zuschauern ein bewun­dern­des Raunen und viel Beifall ent­lockt. Damit das akku­rat gelingt, wird der Hutgruß jeweils am Löhnungsappell — mit Musikkapelle — flei­ßig geübt. Und wehe, bei der Parade tanzt einer aus der Reihe und ist zu früh oder zu spät mit sei­nem Hut — die Zug-Kasse ist dann immer weit geöffnet.

Um beim Zug der Scheibenschützen mit­ma­chen zu kön­nen, muss man erst Mitglied der Neusser Scheibenschützen-Gesellschaft wer­den, also durch ein nor­ma­les Verfahren mit Beitrittsantrag und Ballotage. Nach Aufnahme zahlt der Schütze dann den regu­lä­ren Jahresbeitrag der Gesellschaft. Möchte er nun auch im Zug mit­ma­chen, wen­det er sich an die Zugleitung (Major ist zur Zeit Dr. Hans-Peter Zils) und bit­tet um Aufnahme in den Zug. Dann wird zusätz­lich der Zugbeitrag fällig.

Im Jahre 2020 hat die Gesellschaft mehr als 300 Mitglieder, davon sind im Zug 135 Aktive und noch­mals 42 Passive.

Doch nun zurück in die Zwanzigerjahre. Der Zug der Neusser Scheibenschützen ent­wi­ckel­te sich nach Ende der Belgischen Besatzung präch­tig, genau­so wie das gan­ze Regiment. 1927 hol­te der Bürgerschützenverein nach, was er 1923 ver­säu­men muss­te: Die Jahrhundertfeier des Bürgerschützenfestes seit 1823. Es war ein beson­ders denk­wür­di­ges Fest. Es brach­te die ers­te Rundfunk-Übertragung aus Neuss, und es war die ers­te Übertragung eines Schützenfestes überhaupt.

1929 fand das 31. Rheinische Bundesschießen in Neuss statt, den Neusser Scheibenschützen war die Ausrichtung über­tra­gen worden.

Die posi­ti­ve Entwicklung des Schützenfestes und des Zuges der Scheibenschützen wur­de ab 1933 unter­bro­chen. Die NSDAP nahm poli­ti­schen Einfluss auf Komitee und Schützenfest und Querelen und Rücktritte waren die Folge. 1939 fiel die all­ge­mei­ne Mobilmachung auf den Schützenfest-Sonntag. Das Fest wur­de abge­bro­chen. Der Zweite Weltkrieg begann.

Nach Ende des Krieges hat­ten die über­le­ben­den Neusser etwas ande­res im Sinn als zu fei­ern. Etwas zu essen und ein Dach überm Kopf waren wich­ti­ger. Aber schon 1947 zog ein klei­ner Schützenzug durch die Straßen der zer­stör­ten Stadt. Mit Genehmigung des bri­ti­schen Kommandanten zogen die Schützen — ohne Waffen und ohne Musik — im Schweigemarsch durch die Straßen. Drei Scheibenschützen waren dabei. Neuer Lebensmut reg­te sich, und im nächs­ten Jahr sah das schon wie­der anders aus. Da gab‘s schon 22 Grenadier-Züge und 12 Jägerzüge und auch schon 34 Scheibenschützen. Gefeiert wur­de man­gels ande­rer Möglichkeiten in Jakob Krülls Autohalle an der Sternstraße, die zwar zu klein war, in der aber — wenn man den Alten beim Erzählen zuhört — die lus­tigs­ten Bälle aller Zeiten gefei­ert wur­den. Schnell wuchs das Schützenfest zur alten Größe, der Zug der Scheibenschützen hat­te Mitte der 50-er Jahre schon über 100 Marschierer. Krülls Autohalle wur­de bald nicht mehr gebraucht, aber Scheibenschütze Jakob Krüll, genannt Coco, mach­te sich wei­ter­hin nütz­lich : Er war immer für jeden Blödsinn zu haben, zur Krönung sei­ner Aktivitäten ritt er an einem Dienstag beim Wackelzug auf einem Esel an König und Komitee vor­bei, sein klei­ner Sohn Dieter als Eseltreiber hin­ter­her! Dieser Job hat den Dieter spä­ter dazu befä­higt, ein erfolg­rei­cher Major des Zuges der Scheibeschützen zu wer­den, und als Dieter I. wur­de er Neusser Schützenkönig. Dieters Schützenfest war übri­gens ver­reg­net, aber bei­lei­be nicht verwässert!

 

Der Zug der Scheibenschützen im Jahr 2013 mit Jakobuskönig Oliver Kohlemann

Irgendwann in den 1980ern hat­ten eini­ge Schützen die Idee, wie man das Kirmesende am Dienstagabend ver­schö­nern und wür­di­ger gestal­ten könn­te. Also mar­schier­ten wir mit unse­rer Musik nach dem Vorbeimarsch am neu­en König auf den Münsterplatz und lie­ßen dort den Großen Zapfenstreich into­nie­ren. Es war wirk­lich wun­der­schön. Der Küster vom Quirinus-Münster war so begeis­tert, dass er am Schluss, am Ende des Deutschland-Liedes, das gesam­te Geläut des Münsters ein­schal­te­te. Zur glei­chen Zeit war aber Oberpfarrer Monsignore Dr. Schelauske auf dem Weg in die “Bürger”. Als er nun das Brausen aller Glocken hör­te, dach­te er, es sei etwas pas­siert, St Quirinus bren­ne oder so. Also lief er, so schnell er konn­te, zurück zu sei­ner Kirche. Wir klär­ten ihn auf, und er war so begeis­tert, dass er im nächs­ten Jahr sel­ber die Glocken ein­schal­te­te. Und dann erklär­te er, dass nun zwei­mal nach dem Zapfenstreich geläu­tet wor­den sei, und folg­lich sei das jetzt in Neuss Tradition. Und so ist es auch geblie­ben. Der Zapfenstreich der Scheibenschützen sprach sich her­um. Und im Laufe der Jahre kamen uns immer mehr Züge und Fahnen-Abordnungen von ande­ren Korps besu­chen. Inzwischen ist es üblich gewor­den, dass auch der neue König mit dem Komitee kommt und mit uns die­sen Kirmesausklang genießt und mit ihm einige100 Zuschauer. Was für eine Freude zum krö­nen­den Abschluss! Die Scheibenschützen lie­gen sich zum Abschied in den Armen wie nach einer gewon­ne­nen Fußballweltmeisterschaft.

Und woför donn mer dat all? För de Freud! 

Für die Freude am gemein­sa­men gro­ßen Fest, die Freude am Wiedersehen mit Freunden, die Freude an so vie­len jun­gen Mitmarschierern, an der herr­li­chen Musik, am bun­ten Treiben, an den Nüsser Röskes , und auch Freude am guten Glas Bier, das nur mit guten Freunden schmeckt. So lang ne Knoop an de Box noch hält …

 

Werner Leurs

 

Werner Leurs

ist seit 1984 Mitglied unse­rer Gesellschaft und im Zug der Neusser Scheibenschützen.

Der Zug der Scheibenschützen im Jahr 2016

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Am 14. Mai 2020 starb unser Schützenbruder

Wilhelm Utrup

im Alter von 86 Jahren.

Seit 1994 gehörte er unserer Gesellschaft an.

In schützenbrüderlicher Verbundenheit bewahren wir Ihm ein ehrendes Andenken. Unser aufrichtiges Mitgefühl gehört seinen Angehörigen.