Historie

Die Neusser Scheibenschützen – Gesellschaft von 1415 ist eine der ältesten deutschen und rheinischen Schützengesellschaften. Sie ist zudem in der glücklichen Lage, ihre Gründung durch eine Urkunde belegen zu können, die vom 1. November 1415 datiert und im Stadtarchiv erhalten ist.

800 Jahre Neusser Schützen, versetzen wir uns in die Jahre der Wende vom 12. ins 13. Jahrhundert. Es gibt die verschiedenen Siedlungskerne: die vom Benediktinerinnenkloster zum Qirinusstift adeliger Damen gewandelte kirchliche Immunität, das castrum des kölnischen Landesherrn, Erzbischofs und Stadtherrn als fester Sitz seines ständigen Verwalters und Gerichtsherrn -später das Vogthaus-, die Marktsiedlung der Handelsleute und Gewerbetreibenden am Rheinufer. Sie sind mit ergänzenden Besiedlungsflächen und wachsender Bevölkerung zu einem Bereich zusammengewachsen, der den Bau einer umfassenden und einheitlichen Wehranlage notwendig machte, wie sie für den Raum zwischen Obertor und Niedertor, zwischen Rheintor, Zolltor und Hamtor überliefert ist. 1190, in einer Urkunde des deutschen Königs Heinrich VI. erscheint Nussia, Neuss erstmalig als oppidum, als befestiger Ort. Neuss hat damit einen anerkannten Status als geschlossene Marktsiedlung und wichtiger Handelsplatz erreicht. Als Bürger eines festen Platzes hatten die Neusser sich nun darauf einzustellen, dass sie nicht nur Mauern und Tore zu bewachen hatten, sondern auch für einen Ernstfall gerüstet sein mussten.

In der Kölnischen Königschronik, der Cronica regia Coloniensis ist zu entnehmen, einer für diese Zeit reichen Quelle, die in mehreren Handschriften überliefert ist, darunter einer, an deren Entstehen ein Neusser, ein Schöffe namens Otto mitgewirkt hat. In dieser Chronik wird berichtet, das König Philipp, nachdem er im Bund mit dem Herzog von Brabant Ende September 1205 die Stadt Köln fünf Tage vergeblich belagert hatte, mit seinem ganzen Heer vor Neuss zog, um diese Stadt in seine Gewalt zu bringen. Dies gelang ihm ohne längere Kampfhandlungen, denn , so die Chronik, nach einem heftigen Sturmangriff begannen die Neusser an ihrer Abwehrkraft zu zweifeln. Sie stellten ihren Widerstand ein, übergaben ihre Stadt. Dazu bringt die Chronik eine Ergänzung: hier fiel Constantin, Sohn des Conrad von Dyck, ein tapferer und tüchtiger Kriegsmann, von einem Pfeil durchbohrt tödlich getroffen.

Oktober Anno Domini 1205 erste fassbare Nachricht von der Existenz Neusser Schützen, und zwar von Schützen, die als Waffe den Bogen führten, vielleicht auch schon die Armbrust, die um diese Zeit in Bebrauch kam. Es liegt die Annahme nahe, Neusser Bürger hätten sich  mit dem Bau der Stadtbefestigung zusätzlich zur allgemeinen Bewaffnung mit dieser Spezialwaffe vertraut gemacht.

Wie dem auch gewesen sein mag, die Kölnische Königschronik gibt uns eine zuverlässige Nachricht über die Frühzeit vaterstädtischen Schützenwesens. Vieles deutet darauf hin, dass bereits vor 1415, der Gründung der Neusser Scheibenschützen – Gesellschaft, eine Wehrformation innerhalb der Bürgerschaft bestand, der die Führung von Schusswaffen vertraut war. Wir können also davon ausgehen, dass unsere Gemeinschaft ältere Wurzeln hat als das Jahr 1415.

Keine andere Institution unserer Stadt kann auf eine so weit zurückreichende Geschichte und auf eine so wechselvolle Vergangenheit zurückblicken. Sie ist zugleich eine der ältesten rheinischen und deutschen Schützengesellschaften, und dazu eine Vereinigung, die ihre Gründung zweifelsfrei durch die im Stadtarchiv erhaltene Urkunde und die darin aufgezeichnete Satzung belegen kann. Sie zählt damit zu den wenigen, nämlich nur sieben Schützengilden auf deutschem Boden, die in der Lage sind, durch überlieferte Statuten ihre Existenz gegen Ende des 14. und zu Beginn des 15. Jahrhunderts zu belegen.

Als die Neusser Schützengesellen, wie sie in der Urkunde genannt werden, sich 1415 zu einer festen Gemeinschaft unter dem Patronat des heiligen Sebastianus zusammenschlossen, gründeten sie eine nicht nur auf religiösen und ethischen Grundsätzen aufgebaute Bruderschaft, sondern eine Gesellschaft auch zur Wehr und zum Dienste der Stadt, deren Mitglieder mit der Armbrust umzugehen verstanden und in Zeiten der Not und Gefahr zum Schutze der Vaterstadt bereitstehen mussten. Dass damals ausschließlich von Schützengesellen die Rede ist, deutet darauf hin, dass innerhalb der Bürgerschaft vor dem Zusammenschluss eine Wehrformation bestanden haben muss, der die Führung von Schusswaffen anvertraut war, von weittragenden Waffen also: die Masse der Bürger die in ihrer Gesamtheit wehrpflichtig waren, waren mit Nahkampfwaffen, mit Schwert, Streitaxt und Spieß ausgerüstet.

In der Gründungsurkunde wird nicht exakt definiert, ob nur Kampfschützen der Bruderschaft angehören dürfen. Erst im Satzungspunkt 6 der Gründungsurkunde wird gefordert, dass ein jeglicher Bruder eine gute Armbrust besitze und dazu alle Gerätschaft zum Schießen, zur Wehr und zum Dienste der Stadt Neuss, wie sich das zu Notzeiten gehört.

Die Bedeutung des Wortes Gesellen entsprechend hat es sich um junge Männer gehandelt, die ihren Teil zum organisierten militärischen Schutz der Vaterstadt beitrugen, der nach der Entstehung eines geschlossenen Gemeinwesens und dem Bau einer Leib und Leben, Hab und Gut bergenden Befestigung ebenso selbstverständlich wie notwendig war. Auch die Bezeichnung Schützen – das Wort Schützen ist von Schießen abgeleitet – lässt erkennen, dass es sich ursprünglich um eine Gruppe von Männern zur besonderen militärischen Verwendung und mit besonderem Auftrag gehandelt hat.

Die Schützen hatten an der Stadtmauer, auf den Wällen oder in den Stadtgräben ihre Schützen- oder Scheibenbahnen, auf denen sie nach festen Regeln, um deren Beachtung die Stadtobrigkeit sehr bemüht war, den Schießübungen oblagen, nach Regeln oder Schießordnungen, die mit der Einführung des Feuerrohrs eine besondere Bedeutung erlangten, auch für das Bruderschaftsleben insgesamt, in dem sich nach und nach eine eigene Schieß- und Wettbewerbspraxis entwickelte.

Aus vielerlei Zeugnissen, insbesondere aus Ratsprotokollen und Stadtrechnungen, wissen wir, dass die Vaterstadt den Schützengesellen und ihrer Bruderschaft Wohlwollen und Förderung angedeihen ließ, sich an den Kosten beteiligte und für die besten Schützen Vergünstigungen gewährte, die sich zum Teil Jahrhunderte hindurch bis auf den heutigen Tag erhalten haben.

Zur ernsten Seite ihres Tuns, das karitative und religiöse Pflichten mit einschloss, gesellte sich das brüderliche Miteinander in frohem Kreise. Man verstand zu feiern und zu tafeln, manches so ausgiebig, dass der Rat der Stadt sich genötigt sah, einschränkende Vorschriften zu erlassen, wenn die Schützen zur Verschwendung neigten, Festessen zu oft und reichlich veranstalteten und den Becher ausdauernd zusprachen. So konnte es vorkommen, dass die Stadtväter ihr Wohlwollen mäßigten, verlangten, „den Überfluss abzuschaffen“, finanzielle Zuwendungen zurückhielten oder sogar Schießspiele nicht gestatteten.

Schießspiele, Schießwettbewerbe waren beliebt, und nicht nur am Orte selbst. Städte luden sich gegenseitig ein, und es ist überliefert, dass Neusser Schützen von auswärtigen Schießspielen, Siegeskränze und –Fähnchen und Preismünzen mit heimbrachten. Im Volksbrauch sicherte sich das Neusser Schützenwesen einen festen Platz. Die wehrhafte Seite fand dabei eine glückliche Ergänzung im volkstümlichen Spiel, das althergebrachtem Frühlingsbrauchtum zu Eigen war. Man zog hinaus vor die Stadt ins Grüne, lagerte sich in den Auen, schoss nach einem Vogel auf einer Spießrute, vergnügte sich mit allerlei Spielen und lies die Becher kreisen, – wir tun’s heute immer noch so und nicht anders.

Als gegen Ende des 14. Jahrhunderts das Feuerrohr, die Hakenbüchse und die Handbüchse aufkamen und im Laufe der Zeit immer mehr vervollkommnet wurden, erhielt die Armbrust eine wirkungsvolle Konkurrenz. Die Schützen hielten zwar noch lange an ihrer angestammten Waffe, der Armbrust, fest, konnten sich aber der Entwicklung nicht entziehen und griffen schließlich auch zur Büchse, ohne aber die Armbrust gänzlich aufzugeben.

Die mit dem Jahre 1794 für zwei Jahrzehnte anbrechende Franzosenzeit machten dem Schützenwesen vorübergehend ein Ende, die Waffen, es war nicht das letzte Mal, mussten abgeliefert werden. Die Bruderschaft bestand zwar weiter, aber ihr Vermögen an Grund und Boden und Kapitalien wurde konfisziert und dem städtischen Wohlfahrtsfond zugeführt. Als 1803/04 die Schießübungen wieder aufgenommen werden durften, trat an die Stelle der Sebastianus –  Bruderschaft die Gesellschaft die Scheibenschützen – Gesellschaft, die unter dem neuen Patronat des heiligen Jakobus die Tradition auch in die neue, die preußische Zeit hinein fortsetzte und mit Recht nach wie vor das Gründungsjahr 1415 in ihrem Namen führt.

Bei der feindlichen Einnahme der Stadt Neuss am 9. Mai 1585 wurden leider sämtliche Papiere des städtischen Archivs ein Raub der Flammen. Hierunter waren leider auch diejenigen Dokumente, welche über die Vorgeschichte und früheren Verhältnisse der Scheibenschützen einen historischen Aufschluss hätten geben können.

Satzungen und Schießordnungen, die im Laufe der Zeit immer wieder ergänzt und erneuert wurden, regelten Gesellschaftsleben und Schießbetrieb. Neuss zählt zu den Städten, die nicht nur das traditionsreiche Schützenfest feiern, sondern auch historisch dokumentieren können. Die alten Rechte aus dem Jahre 1415 wurden immer wieder erneuert, meist in schwierigen Zeiten; so nach dem Truchsessischen Krieg 1594, nach dem Dreißigjährigen Krieg 1656, nach dem Spanischen Erbfolge und nach dem Siebenjährigen Krieg 1723 bzw. 1763, die für das Rheinland stets schwere menschliche und materielle Opfer kosteten. Auch nachdem die französische Revolution das Rheinland erreichte, ja Neuss französisch geworden war, ließen sich die Neusser Schützen ihre Tradition nicht nehmen. Das Schützenwesen überdauerte alle politischen und gesellschaftlichen Brüche der Zeit. In der Schützenordnung von 1804 wird dies bestätigt. Vielleicht liegt der Grund in der Anpassung an die jeweilige Zeit, die ausdrücklich vorgesehen ist und die Modernisierung des Schützenwesens nach jeweiligem Bedürfnis erlaubt.

Die Stadtbehörde zeigte sich geneigt, die von Alters her gewährten Vorteile, Vergünstigungen und Zuwendungen wieder aufzunehmen und aufrecht zu halten. Anfangs schossen die Scheibenschützen noch in dem der Stadt unmittelbar benachbarten Wallgraben an der Promenade, bis die Aufsichtsbehörde angesichts der wachsenden Bebauung darin eine Gefährdung der öffentlichen Sicherheit sah. Dach fanden sie eine neue Heimstadt im ehemaligen Bett des Nordkanals vor dem Obertor, wo sie noch heute, unangefochten vom Zeitwandel, dem Brauch der Väter huldigen und neben dem Sportschießen ihre traditionellen Bruderschießen abhalten: am Jakobustag das Schießen um die höchste Würde der Gesellschaft, den Jakobuskönig, das Osterstutenschießen, das Albusschießen, das Königsschießen und das Martinischießen. Neuerdings wird als gesellschaftliche Veranstaltung mit Angehörigen in der Zeit um Neujahr ein Brezelschießen durchgeführt. Das alte Scheiben- und Schützenhaus an der Promenade ist längst nicht mehr; und sein Nachfolger am Scheibendamm ist schon über 100 Jahre Zeuge ungebrochenen Lebens und Treibens der Neusser Scheibenschützen.

Zwei Weltkriege haben den Fortbestand der Scheibenschützen – Gesellschaft nicht hemmen können. Über alle Einschränkungen und Unterbrechungen hinweg fanden sich die Männer immer wieder zusammen. Im Deutschen wie im Rheinischen Schützenbund wie auch im Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften nahmen und nehmen sie eine geachtete Stellung ein. Ungezählte sportliche Erfolge haben sie zu verzeichnen. Dreimal hat die Gesellschaft ein Rheinisches Bundesschießen ausgerichtet, zu dem Hunderte von Schützen aus allen rheinischen Gauen in der Quirinusstadt zusammenströmten: 1892, 1902 und 1929.

Joseph Lange / Wolfgang Sedlmair